Zur Spielzeit 12/13 

Seit dem Beginn der Direktion von Andreas Beck ist "die Serie" fester Bestandteil des Schauspielhaus-Spielplans. Über Die Strudlhofstiege (2007/08), Diesseits des Lustprinzips: Freud und die Folgen (2008/09), Die X Gebote (2009/10), Kreisky - wer sonst? (2010/11) und Schubert - eine Winterwanderung in 5 Folgen con da capo (2011/12) hat sich die Spielform als eigenes Format etabliert und eigene ästhetische Merkmale und Qualitäten entwickelt. Dabei ist sie, geprägt durch eine Skizzenhaftigkeit, komprimierte Probenzeiten und ein rasches Aufeinanderfolgen der einzelnen Teile, von einem ungewöhnlichen Theaterformat zu einer neuen Spielform geworden. Diese Entwicklung nimmt das Haus zum Anlass, die Serie in der Spielzeit 2012/13 über ihre bisherigen Grenzen hinauszutreiben und ihr ein neues Gewicht zu geben: Sie steht am Beginn und prägt das erste Drittel der Spielzeit. Die einzelnen Folgen haben Spielfilm- statt gewohnter Serienlänge und wechseln von Nebenschauplätzen zum Hauptspielort in der Porzellangasse.

 

Aber nicht nur formal, sondern auch inhaltlich ändert sich der Zugriff: Ausgehend von dem Leitthema "Eine säkulare Gesellschaft? Zwischen Transzendenz und Selbstverwirklichung" ist Paul Claudels episches Bühnenwerk Der Seidene Schuh oder Das Schlimmste trifft nicht immer zu in diesem Jahr Arbeits- und Spielvorlage. Der barock ausladende Text erzählt von einer großen Liebe, die sich erst im Jenseits erfüllen kann. Mit mehr als 70 Figuren auf insgesamt 258 Seiten sprengt das Stück jeden konventionellen Theaterabend, und bisher haben sich nur wenige Bühnen daran gewagt, Claudels Werk zur Gänze umzusetzen. Die spanische Handlung in vier Tagen, so der Untertitel, wird im Schauspielhaus in vier Folgen erzählt werden. Dabei bleibt das Haus ein Autorentheater: Vier DramatikerInnen der Gegenwart - Thomas Arzt, Jörg Albrecht, Anja Hilling und Tine Rahel Völcker - erhielten den Auftrag, je einen Tag zu überschreiben, und jede daraus entstandene Folge wird von einer anderen Regisseurin bzw. einem anderen Regisseur - Gernot Grünewald, Mélanie Huber, Christine Eder und Pedro Martins Beja - inszeniert. So ergeben sich für die Geschichte von Doña Proëza und Don Rodrigo im Spanien des 16. Jahrhunderts ganz neue "Übersetzungen", Überschreibungen und Interventionen aus zeitgenössischer Perspektive, und der französische Klassiker wird zur Grundlage einer neuen Form des Autorentheaters. Vor dem eigentlichen Saisonstart öffnet das Schauspielhaus am 6. Oktober seine Pforten für die ebenfalls schon traditionelle Vor/Sicht. Im Mittelpunkt steht Paul Claudels Der Seidene Schuh: Unter dem Titel Ein säkulares Zeitalter? diskutiert eine hochkarätig besetzte Runde (u.a. Carla Amina Baghajati, Dr. Isolde Charim, Johannes Kaup, Mag. Gertraud Knoll und Dr. Peter Zeillinger) die Frage, wie wir es in unserer aufgeklärten Gesellschaft mit der Religion halten. Der Programmpunkt Claudel und die Transzendenz umfasst Gespräche mit Claudel-ExpertInnen, AutorInnen und RegisseurInnen des Seidenen Schuhs sowie Previews mit dem Ensemble.

 

Eröffnet wird die Saison 2012/13 am 11. Oktober mit der Neubearbeitung des ersten Tages, Die Glückspilger, von Thomas Arzt, Regie führt Gernot Grünewald. Es folgt am 18. Oktober der zweite Tag, Wo du nicht bist, in der Inszenierung von Mélanie Huber, überarbeitet von Jörg Albrecht. Die Eroberung der Einsamkeit ist der Titel der von Anja Hilling völlig überschriebenen dritten Folge, die am 1. November gezeigt und von Christine Eder inszeniert wird. Den Abschluss der Serie bildet am 8. November der vierte Tag, Das Boot der Millionen, in der neuen Fassung von Tine Rahel Völcker und in der Regie von Pedro Martins Beja. Der Herbstspielplan der Serie bietet dem Publikum - abweichend vom gewohnten Serienrhythmus - neue Flexibilität: Sämtliche Teile werden - auch nach dem Start der nächsten Folge - noch einmal einzeln, aber darüber hinaus als Doppelvorstellungen aufeinanderfolgender Teile und, am 17. und 30. November, in einem barock ausufernden "Claudel-Marathon", mit allen vier Folgen an einem Abend, gezeigt werden. Dabei werden nicht nur die Darsteller, sondern auch unser Publikum in eine andere Zeit und in ein achtstündiges Abenteuer entführt. In den Pausen wird das Publikum von der neuen Gastronomie in der Theaterbar auch kulinarisch unterhalten werden.

 

In der zweiten Hälfte der Spielzeit widmet sich das Schauspielhaus mit drei Ur- und zwei Österreichischen Erstaufführungen ausschließlich der zeitgenössischen Dramatik. Gleich zwei AutorInnen inszenieren ihre vom Schauspielhaus in Auftrag gegebenen Texte selbst: Im Jänner bringt Anne Habermehl die Uraufführung ihres eigenen Textes, Luft aus Stein, auf die Bühne. Im April inszeniert Kevin Rittberger sein neues Stück plebs coriolan, nach Diesseits des Lustprinzips: Freud und die Folgen: Penis (2008/09), Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung (2009/10), Kreisky - wer sonst?: Superkreisky (2010/11) und Puppen (2011/12) das fünfte Werk des Autors, das am Schauspielhaus Wien uraufgeführt wird. Die erste Premiere des neuen Jahres ist die Österreichische Erstaufführung von Christoph Nußbaumeders Meine gottverlassene Aufdringlichkeit im Nachbarhaus, inszeniert von Daniela Kranz. Die junge Regisseurin Lilja Rupprecht bringt im Februar die Uraufführung von Ich war nie da des ebenso jungen Schweizer Komödianten und Gewinners des Hans-Gratzer-Stipendiums 2010, Lukas Linder, auf die Bühne. Felicitas Brucker, bereits im fünften Jahr Hausregisseurin am Schauspielhaus, inszeniert im März einen Doppelabend der Österreichischen Erstaufführung von Illusionen des russischen Autors Iwan Wyrypajew wird Sarah Kanes Gier gegenübergestellt. Beide Stücke kreisen sprachobsessiv um denselben Kern: Die Liebe. Sarah Kanes Texte wurden am Schauspielhaus Wien unter Hans Gratzer erstmals in Österreich gezeigt, und mit Gier kehrt nun eines ihrer Stücke zurück. Juli von Iwan Wyrypajew war in der Spielzeit 2008/09 als deutschsprachige Erstaufführung am Schauspielhaus zu sehen. Wyrypajew schrieb außerdem als Stückauftrag die erste Folge der Serie Die X Gebote, Karaoke-Box (2008/09).

 
 

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