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MITWISSER

von Enis Maci
URAUFFÜHRUNG
Regie: Pedro Martins Beja

Premiere am 24. März 2018

Drei Verbrechen stehen im Zentrum von Enis Macis poetischer Kartografie einer verrohenden Welt. Dabei geht es der Autorin weniger um die Täter als um das zugrundeliegende Biosystem, den Humus der Gewalt: die Mitwisser.
 
27°20‘01.6“N  80°20’40.9“W. Port  St. Lucie, Florida, USA.
 
Eine Stadt am Rande der Sümpfe, Platanen und Zypressen zwischen brutalistischen Hausformationen. Die Natur kämpft hier gegen die Zivilisation an. Die Sümpfe wollen die Kultur verschlucken. In dieser seltsam schwülen Atmosphäre wachsen junge Menschen auf, viele sind es nicht mehr. Die Stadt eignet sich eher für Rentner – jenseits von Golfplätzen, anonymen Apartmentblocks und Altenheimen gibt es wenig zu erleben. Da kommt es dem Freundeskreis aus der Highschool gerade recht, als der Teenager Tyler Hadley eine Einladung zu einer Party in seinem Elternhaus an seine WhatsApp-Gruppe schickt. Doch das Treffen der Jugendlichen gerät außer Kontrolle.
 
38°08‘40.0“N  31°13‘28.1“E  Koruyaka, Türkei, Asien.
 
Am anderen Ende der Welt wird Nevin Yildirim Opfer eines brutalen Verbrechens. Ungeheuerlicherweise ist der Täter für sie kein Unbekannter. Sie will, dass er bestraft wird, auf die Justiz kann sie dabei allerdings nicht erst warten. Wie weit darf sie gehen? Wo verlaufen die Grenzen zwischen nachvollziehbarem Impuls und blindem Affekt? Kann Rache jemals legitim sein?
 
51°35‘07.4“N 6°45‘29.6“E. Dinslaken, Deutschland, Europa.
 
Die ehemaligen Industrielandschaften des Ruhrgebiets sind heute von Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsschwund gekennzeichnet. Vielen Bewohnern bietet diese Gegend nur noch wenig Perspektive. Der samstägliche Gang ins Fußballstadion gehört zur kulturellen DNA. Im Lauf der Jahrzehnte haben sich in dieser von Migration geprägten Gegend zwischen stillgelegten Kohlezechen, Industriebrachen und Fußballstadien salafistische Parallelgesellschaften herausgebildet. Die Strukturschwäche der Region eignet sich als Nährboden für Ideologie und Fanatismus. Der junge Nils Donath, leidenschaftlicher Fußballfan mit Kontakten zur Hooliganszene, entschließt sich bald zum denkbar radikalsten Bruch mit der westlichen Kultur.
 
Wie eine Drohne observiert Enis Maci irritierende Topografien und beschreibt mit großer Poesie eine aus den Fugen geratene Welt. In ihrem lyrischen Epos stellt sie das Ungeheure, Monströse neben das Alltägliche, in dem sich aber bisweilen Abgründe aufzutun scheinen und verknüpft beides zu einem düsteren Panorama. Im Zentrum stehen drei reale Kriminalfälle. Mehr als auf die Täter richtet sie ihren Blick dabei aber auf die Szenerien, auf Ökosysteme, die solches Handeln zulassen. Mal schaut Maci in fast planetarischem Maßstab auf diese Gebiete, mal zoomt sie tief hinein in die Beziehungsgeflechte, die menschlichen Biotope, die den Nährboden aller Taten ihrer Bewohner bilden. Sie unterliegt dabei nie der Versuchung, reißerisch oder sensationsheischend auf die Figuren zu blicken. Stattdessen setzt sie ein alternatives Gericht ein, das die Taten jedoch nicht moralisch werten will, sondern ihre Voraussetzungen, ihre Umgebung befragt. Überall finden sich seltsam passive, resignierte Menschen, die mit irritierendem Verständnis in die Abgründe blicken, mit denen sie konfrontiert sind. Enis Maci entdeckt auf ihrer Landkarte der Mitwisserschaft Mechanismen, die bis in die Mitte unserer Gesellschaft wirksam sind.
 
Enis Maci, geboren 1993 in Gelsenkirchen (D), studierte Literarisches Schreiben in Leipzig. Am dortigen Schauspiel wird 2018 ihr Erstling »Lebendfallen« uraufgeführt. Mit ihrem zweiten Stück »Mitwisser« wird nun erstmals eines ihrer Werke in Österreich zur Aufführung gebracht. Für ihre ersten Skizzen wurde sie als Nachfolgerin von Miroslava Svolikova mit dem Hans-Gratzer-Stipendium des Schauspielhauses Wien ausgezeichnet. Unter 70 Bewerber*innen war sie gemeinsam mit vier anderen zu einem Workshop unter der Leitung von Kathrin Röggla eingeladen worden, in dessen Rahmen die Kandidat*innen an ihren Entwürfen weiterarbeiten konnten. Mit Maci gewinnt das deutschsprachige Theater eine kraftvolle neue Stimme, deren schwärzlich-schillernde Poesie es dringend zu entdecken gilt.
 
Pedro Martins Beja, 1978 geboren, studierte Regie an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« und inszenierte u. a. an der Berliner Schaubühne, am Schauspiel Frankfurt, am Düsseldorfer Schauspielhaus, Schauspielhaus Wien, am Schauspielhaus Graz sowie am Theater Neumarkt Zürich. In den vergangenen Jahren führten ihn mehrere Arbeiten nach Finnland.

Produktionsteam

Autorin: Enis Maci
Regie: Pedro Martins Beja
Dramaturgie: Tobias Schuster

Termine

Kalender

Sa 24.03.
20:00 Schauspielhaus