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Produktionen

TRAGÖDIENBASTARD

von Ewe Benbenek
URAUFFÜHRUNG

Regie: Florian Fischer

Uraufführung am 30. Oktober 2020

Aufgrund des Veranstaltungsverbots der Bundesregierung müssen alle Vorstellungen ab 3. November 2020 absagt werden. Das Geld für bereits gekaufte Theaterkarten wird automatisch zurückgebucht.

Aufführungsdauer: ca. 100 Minuten, keine Pause

Wie kann man über Erfahrungen, Verletzungen und Geister in der eigenen Biografie sprechen, die sich einfachen Erklärungen entziehen? Wie von sich erzählen, jenseits der »migrantisch-authentischen Story« und des gesellschaftlichen Skripts? Ewelina Benbeneks Stück ist ein polyfoner Text aus Familienerinnerungen und dem wütenden Gedankenstrom einer um ihre Sprache und ihren Platz in der Welt ringenden Protagonistin. Mit ihren »chosen sisters«, die herausschreien, »dass wir Fotzen sind, und Migrantenfotzen obendrauf, die hier in voller Pracht erscheinen, Fotzen, die Superkräfte haben«, streift sie durch die Nacht und entwirft Satz für Satz Räume, in denen »der Pass, der schöne Pass, der schöne rote Pass« nicht mehr so wichtig ist.

Benbenek ist Autorin, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind postmigrantische und postkoloniale Diskurse in Theater, Performancekunst und Gegenwartsdramatik. Ihr erster Theatertext »Tragödienbastard« wurde im Rahmen des Arbeitsateliers von uniT und dem Schauspielhaus Wien gefördert.

Florian Fischer ist Regisseur und bildender Künstler und lebt in Brüssel. Er inszenierte unter anderem am NTGent, am Staatsschauspiel Dresden, am Schauspielhaus Bochum und am Schauspielhaus Hamburg und arbeitet mit verschiedenen Formaten: von Hörspielen, Installationen und Audiowalks bis zu Reportagen und Lecture Performances. Zudem kuratiert er Ausstellungen. Fischers Inszenierungen wurden bei zahlreichen internationalen Festivals gezeigt. Für seine Inszenierung »Operation Kamen« am Staatsschauspiel Dresden in Koproduktion mit dem Archa Theater Prag erhielt er den Kurt-Hübner-Regiepreis 2019.

BIBLIOTHEK

Lilly Busch im Gespräch mit Florian Fischer (Programmheft Nr.39)

Lilly Busch im Gespräch mit Lili Anschütz (Programmheft Nr.39)

Ewe Benbenek »Not being lost in Space and time« (Schauspielhaus Magazin #1 20/21)

Pressestimmen

„Wie benennt man etwas, wofür es keine Sprache gibt? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch einen Theaterabend, der eine kluge Reflexion ist über den Anpassungs- und Aufstiegsdruck, der auf Migrantenkindern liegt. (…) Famos gespielt von Clara Liepsch, Til Schindler und Tamara Semzov. (…) Da freut man sich über Abende wie diesen, der am Puls der Zeit ist mit einem Text, der etwas wagt, und einem Ensemble, dessen Energie ansteckend wirkt.“ WIENER ZEITUNG

„In Strophen und Gegenstrophen, Worten und Widerworten wird von einer Frau erzählt, die sich in einem durchaus allgemeingültigen Sinn von Vorfahren und Vorbildern emanzipiert, die Ballast abwirft und sich tänzerisch aufmacht zum Glamour und einer Liebe, die unterstützt, nicht runterzieht. (…) Benbenek, Kulturwissenschaftlerin mit polnischen Wurzeln, versuchte, einen Hybrid der griechischen Tragödie zu schaffen. Überraschenderweise hat sie sich dabei nicht übernommen.“ DIE PRESSE

„Das Team um den Regisseur Florian Fischer lässt einen in dieser Inszenierung miterleben, wie die junge Frau sich unerschrocken auf die eigene Befreiung zubewegt. Man fühlt, wie wichtig es ist, die Widersprüche der eigenen Geschichte nicht zu glätten, bloß weil man immer wieder hört, das sei alles zu kompliziert. Vermutlich wird es erst nach dem bevorstehenden Lockdown wieder möglich sein, dem Trio zu folgen.“ NACHTKRITIK

„In Benbeneks diskursiv hoch aufgeladenem Erfahrungsbericht entsteht ein Skizzenbuch der alltäglichen Erniedrigungen. Inhalte werden nur ihrem ideologischen (Rede-)Gehalt nach verhandelt. (…) Die drei Schauspielerinnen exponieren unerhört präzise den Umgang mit Narrativen. Sie inszenieren sich als "letzte" ihrer Gattung (weibliche Spezies) und schlagen allen vorschnellen, heteronormativen Zuschreibungen grinsend ein Schnippchen. (…) Wieder einmal beweist das Theater sich als sehr heutiger Hort des Widerstands.“ DER STANDARD

„Nach rund einem Drittel des 100-minütigen Abends ist es dann soweit und die Migranten streifen das übergestülpte "AufstiegsHEROnarrativ" in Form der Maske ab, um nach und nach zu individuelleren "Göttinnen der Nacht" in grellen Ausgehoutfits zu werden, die sich auch die vormalige Beleidigung "Migrantenfotze" stolz zu eigen machen. "Wir sind jetzt hier, da kann man nichts mehr machen", zischen sie bedrohlich ins Publikum. (…) Was bleibt, ist ein etwas gelungenes Plädoyer aus Migrantenperspektive wider den Leistungsdruck und für ein selbstbestimmtes, mutiges Leben.“ APA

„Clara Liepsch, Til Schindler und Tamara Semzov erzählen in Gedankenströmen von Zerrissenheit und Erwartungshaltungen, um dann widerständige Narrative durchzuspielen.“ FALTER

„Eine junge Frau befragt in einer Art Stream of Consciousness ihren eigenen Lebensentwurf in Auseinandersetzung mit dem jenigen ihrer nach Deutschland eingewanderten Eltern und dem ihrer Großmutter in Polen, die sich liebevoll-besorgt nach der Anwesenheit eines Mannes im Enkelinnen-Dasein erkundigt und dabei bereits die potenziellen Urenkel impliziert womit ein zweiter großer Themenkomplex des Gegenwartstheaters im Allgemeinen und der Mülheim-Auswahl im Besonderen angerissen wäre: Rollenbilder stehen auf der dramatischen Tagesordnung, vor allem weibliche. So sehr das Thema die Autorinnen eint, so unterschiedlich gestalten sich dabei ihre Herangehensweisen. Während in Benbeneks polyfoner Textfläche, die Florian Fischer am Schauspielhaus Wien zur Uraufführung brachte, mindestens eine Stimme sich und ihre Chosen Sisters mit den selbstbestimmten Lebensentwürfen zu Göttinnen empowert, verlegt sich Rebekka Kricheldorf in ihrem Text Der goldene Schwanz (Stückabdruck in TdZ01/2021) aufs Genre der Komödie…“ THEATER DER ZEIT

„Zu den Stoffen, die in diesem Stückjahrgang so auffällig vertreten sind wie im Grunde im ganzen letzten Jahrzehnt, gehört die Migrationsthematik. In die Auswahl geschafft hat es die Mülheim-Debütantin Ewe Benbenek, die Ende der 1980er Jahre als kleines Kind aus Polen nach Niedersachsen kam. Sie arbeitet als Grenzgängerin zwischen Geisteswissenschaft und Fiktion. Ihr Tragödienbastard, uraufgeführt von Florian Fischer am Schauspielhaus Wien, umspannt drei Generationen. Polnische Großmutter-, Eltern-, Tochterbiografien werden als Erinnerungsarbeit der Tochter ineinander verwoben. Sie hadert mit sich, mit ihrer Unzulänglichkeit, ihrer Angepasstheit, ihrer Wut, ihrem inneren Leerraum, ihrer Geschichte auch, aber sie weicht dem Unbequemen nicht aus, und sie gibt bei aller subjektiven Ungerechtigkeit den Vorgängergenerationen doch Erzählraum. Eine selbstquälerische Komponente kann der mehr stimmig komponierte Text schwer leugnen, dafür verdichtet Ewe Benbenek ihren Stoff ungleich zwingender als manche flüchtig dahinskizzierte Auftrags-arbeit, die an deutschsprachigen Theatern in puncto Migrationskomplex leider Durchschnitt geworden ist.“ THEATER HEUTE


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